Sie klingt gleichzeitig kühl und sonnendurchglüht: Paghjella, die jahrhundertealte dreistimmige A-capella-Musik aus Korsika. Sie bildet die Basis der Kunst von A Filetta. Die Segonda-Stimme in der Mitte des Klanges führt das Ensemble an. Bassu bildet das tönende Fundament und Terza legt reich verzierte Melodien darüber.
Der Paghjella-Männergesang wurde 2009 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen und entstand vermutlich aus der Verbindung zweier sehr unterschiedlicher Formen: dem gregorianischen Choral, gesungen in kühlen Sakralräumen wie zum Beispiel der kleinen romanischen Kirche San Pietro e Paolo im Dorf Lumio, und der Volksmusik, sonnendurchflutet wie die Landschaft rund um Lumio. Dort, im Nordwesten Korsikas, befindet sich das Probelokal der seit 1978 bestehenden Gruppe A Filetta. Mitbegründer Jean-Claude Acquaviva ist nach wie vor dabei. Er hat dem Ensemble viele Lieder auf den Leib geschrieben, auch für das Programm „Passione“, das zu den Klassikern im Repertoire von A Filetta gehört. Weitere Texte stammen aus der lateinischen Liturgie zum Karfreitag. Die Musik wirkt wie spontan improvisiert. Dabei folgt sie in einer genauen Überlieferung mit vielen lokalen Besonderheiten, zum Beispiel aus Ruglianu ganz an der Nordspitze der Insel oder dem im Osten gelegenen Tagliu. „Passione“ ist damit auch eine innere Reise durch eine Region, die sich trotz Massentourismus eine sofort spürbare, von Religionen unabhängige Spiritualität erhalten hat.
Die Kraft der Poesie inspiriert Imago Dei 2026. Sie wird in den Tangotexten des Duos Piano Canción aus Argentinien spürbar und leuchtet aus dem Karfreitags-Programm des korsischen Ensembles A Filetta. Berührende mittelalterliche Grabsprüche aus Bosnien prägen das Programm „Heretical Angels“. Ein Essay über die Melancholie aus dem England der Renaissance begleitet „Lachrimae“ von John Dowland, interpretiert vom verzaubernden Klang des Blockflötenquintetts Element of Prime. Das Ensemble ist auch bei unserem Kinderkonzert im Einsatz. Das mitreißende Solo-Programm der Koto-Spielerin Karin Nakagawa wird durch Worte aus dem Japan des 13. Jahrhunderts ergänzt.
Ingeborg Bachmann, deren Geburtstag sich 2026 zum 100. Mal jährt, wird im Laufe des Festivals mehrmals zu Wort kommen. So liegt eine ihrer Geschichten an der Basis der Uraufführung von „Frühling. Leeres Land.“, einem musikalischen Szenario in außergewöhnlicher Besetzung. Bachmanns Text „Ein Blatt für Mozart“ wird zur Gran Partita, der abendfüllenden Serenade zum Festivalabschluss, zu hören sein. Auf den Film „Amadeus“ folgt Mozart live, gespielt vom L’Orfeo Bläserensemble mit 13 Instrumenten.
Nur Mandoline und Stimme genügen hingegen dem gefeierten Singer-Songwriter Chris Thile, um unvergleichliche Lyrics und Sounds zu entfalten. In Lesungen und Konzerteinführungen sind die Schauspieler:innen Dörte Lyssewski, Markus Meyer sowie Studierende der Musik und Privatuniversität der Stadt Wien, weiters der Diplomat Valentin Inzko und der Musiker Ernst Molden zu Gast. Zur Eröffnung wird der Klangraum auch zum Lichtraum. Bei der Uraufführung von „apsu“ gesellt sich die Videokunst von Lillevan als vierte Stimme zum Trio Brot & Sterne. An diesem ersten Abend von Imago Dei erklingt auch eine weitere große dichterische Stimme Österreichs: Julian Schutting verfasst für Imago Die einen neuen Text zu den Themen Wasser und Vergänglichkeit.