Auf einem mittelalterlichen Grabstein in Bosnien steht: „Kadhi hti biti, tgdi ne bih“ – „Ich wollte existieren, konnte es aber nicht.“ Als Katarina Livljanić diese Inschrift las, kam ihr in den Sinn, wie viele Menschen während des Kriegs in den 1990er Jahren wohl genau dasselbe von sich sagen mussten.
So nahm das Projekt „Heretical Angels“ (ketzerische Engel) seinen Anfang. Es sind Engel, die keiner Religion oder gar Ideologie angehören, gute und gefallene, helle und dunkle Engel, deren Stimmen hier erklingen.
Die für das Werk herangezogenen Quellen erzählen von der einzigartigen kulturellen Vielfalt der Region. Auf musikalischer Ebene gibt es in den Manuskripten vom 12. bis 15. Jahrhundert allerdings nur Andeutungen. So schufen die Künstler:innen, das renommierte Pariser Ensemble Dialogos und die kroatische Gruppe Kantaduri, ihr eigenes Klangbild. Pure Volksmusik aus der dalmatinischen Zagora und der westlichen Herzegowina vermischt sich mit der Chortradition antiker Theaterstücke.
Die Kraft der Poesie inspiriert Imago Dei 2026. Sie wird in den Tangotexten des Duos Piano Canción aus Argentinien spürbar und leuchtet aus dem Karfreitags-Programm des korsischen Ensembles A Filetta. Berührende mittelalterliche Grabsprüche aus Bosnien prägen das Programm „Heretical Angels“. Ein Essay über die Melancholie aus dem England der Renaissance begleitet „Lachrimae“ von John Dowland, interpretiert vom verzaubernden Klang des Blockflötenquintetts Element of Prime. Das Ensemble ist auch bei unserem Kinderkonzert im Einsatz. Das mitreißende Solo-Programm der Koto-Spielerin Karin Nakagawa wird durch Worte aus dem Japan des 13. Jahrhunderts ergänzt.
Ingeborg Bachmann, deren Geburtstag sich 2026 zum 100. Mal jährt, wird im Laufe des Festivals mehrmals zu Wort kommen. So liegt eine ihrer Geschichten an der Basis der Uraufführung von „Frühling. Leeres Land.“, einem musikalischen Szenario in außergewöhnlicher Besetzung. Bachmanns Text „Ein Blatt für Mozart“ wird zur Gran Partita, der abendfüllenden Serenade zum Festivalabschluss, zu hören sein. Auf den Film „Amadeus“ folgt Mozart live, gespielt vom L’Orfeo Bläserensemble mit 13 Instrumenten.
Nur Mandoline und Stimme genügen hingegen dem gefeierten Singer-Songwriter Chris Thile, um unvergleichliche Lyrics und Sounds zu entfalten. In Lesungen und Konzerteinführungen sind die Schauspieler:innen Dörte Lyssewski, Markus Meyer sowie Studierende der Musik und Privatuniversität der Stadt Wien, weiters der Diplomat Valentin Inzko und der Musiker Ernst Molden zu Gast. Zur Eröffnung wird der Klangraum auch zum Lichtraum. Bei der Uraufführung von „apsu“ gesellt sich die Videokunst von Lillevan als vierte Stimme zum Trio Brot & Sterne. An diesem ersten Abend von Imago Dei erklingt auch eine weitere große dichterische Stimme Österreichs: Julian Schutting verfasst für Imago Die einen neuen Text zu den Themen Wasser und Vergänglichkeit.