Die Wachau kann als Region verstanden werden, oder als Zustand, je nachdem. Die Region liegt im Donautal zwischen dem Dunkelsteinerwald im Süden und dem Naturpark Jauerling im Norden. Der Zustand hingegen, hat, nun ja, mit einer Reihe von Gegebenheiten zu tun. Mit der steil terrassierten Landschaft etwa, den Begegnungen beim Heurigen und - natürlich - dem Wein. Max Brustbauer, Winzer und Urwachauer, führt durch eine Landschaft, die mehr ist als Kulisse. Unterwegs zwischen Strand und Heuriger.
Von Emmersdorf bis Mautern finden sich in der Wachau eine Vielzahl an offiziellen Badeplätzen, viele davon sind naturbelassen. An Sommertagen steigt die Wassertemperatur hier auf bis zu 24 Grad, dann sitzen Familien am Ufer, Radfahrer:innen springen ins Wasser, Jugendliche spielen Volleyball. Wenn es kühler wird und die Sonne tief steht, sind die Badeplätze beliebte Rastplätze bei Spaziergänger:innen, die sich auf den Steinen am Ufer niederlassen.
Gleich hinter den Badeplätzen schließt der Donauradweg an, meist führt ein schmaler Pfad vom Ufer direkt hinauf auf die Route. Davon, dass dies der meistbefahrene Radweg Europas sein soll, merkt man hier aber kaum etwas – selbst in den Ferien bleibt es erstaunlich ruhig.
Die Route zieht sich wie eine feine Linie durch das Tal, rund 36 Kilometer lang. Am nördlichen Donauufer gilt besonders der Abschnitt zwischen Spitz und Weißenkirchen als einer der schönsten. Hier gibt es kaum Autos, dafür ständig neue Eindrücke: Obstgärten, kleine Kapellen, Weinterrassen und Dorfplätze, die sich an den Hang schmiegen. Und fast immer folgt man dem Fluss: links die Weite der Donau, rechts die steilen Hänge. Reben, so weit das Auge reicht.
Wer südlich der Donau von den Badebuchten bei St. Lorenz oder Oberarnsdorf aufbricht, fährt ein kleines Stück flussaufwärts. Etwa auf halber Strecke lohnt sich ein kurzer Zwischenstopp: Gleich neben der Rollfähre Oberarnsdorf–Spitz steht der kleine Marilla-Foodtruck, wo Kaffee hausgemachter Kuchen sowie Flammkuchen und Toasts verkauft werden. Eine beliebte Rast bei Radler:innen.
Von Oberarnsdorf, direkt beim Marilla-Foodtruck, führt der Weg zur Fähre, die einen auf die andere Seite der Donau bringt. Legt man ab, verändert sich schon nach wenigen Momenten die Landschaft: Der Fluss wirkt größer, die Terrassen am Hang schroffer, die Dörfer dichter, ja, es scheint fast so, als hätte man sie zusammengerückt. Man spürt auch, wie ruhig die Donau plötzlich unter einem wird, denn die Rollfähre, die zu den ältesten noch betriebenen Gierseilfähren zählt, wird nur von der Flussströmung bewegt. Ein Prinzip, das seit Jahrhunderten funktioniert.
An Deck steht die Camera Obscura des Künstlers Ólafur Elíasson, die die Landschaft durch neue Perspektiven erscheinen lässt. Die Weite des Flusses wird durch sie in das Innere der Fähre transportiert, durch den fokussierten Blick die wahrgenommene Bewegung neu aufgefasst – und für einen kurzen Moment scheint die Zeit wie aufgehoben. „Ich mag es, wenn Kunst etwas mit dem Alltag zu tun hat“, sagt Max Burstbauer, der die Fähre oft für Radausflüge nutzt, „wenn sie uns zeigt, was ohnehin da ist, nur in einer ganz anderen Perspektive.“
Führt der Weg, sowohl am Nord- als auch am Südufer des Flusses, weiter durch die Weingärten, ziehen sich zwischen den Reben Mauern aus hellem Bruchstein den Hang hinauf, in gleichmäßigen Linien., Sie teilen das Gelände in Stufen. Um die 720 Kilometer solcher Trockensteinmauern gibt es in der Wachau, viele davon sind bereits einige Jahrhunderte alt. Sie sichern die Weingärten, speichern die Wärme der Sonne und prägen das Gesicht der Region. Max Brustbauer, der auf seinem Weingut selbst Trockensteinmauern verlegt hat, sagt: „Die Bauweise der Trockensteinmauern zeigt für mich, dass man Dinge nicht übermodernisieren muss. Sie funktionieren so, wie sie immer schon funktioniert haben.“ Überhaupt erlebt das Handwerk des Trockensteinbaus gerade eine Art Renaissance, junge Winzer:innen erlernen die Technik wieder, die es in der Wachau seit über 700 Jahren gibt. Die Arbeit, erzählt Brustbauer, ist mühsam und beschwerlich, immerhin muss jeder Stein von Hand geschichtet werden, aber beim Mauern ist es wie im Weinbau.
Man vertraut auf Erfahrung, auf Technik, die sich bewährt hat. Man arbeitet mit Geduld, und das Ergebnis zeigt sich erst viel später.
Wenn die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwindet, endet der Weg dort, wo in der Wachau fast alles endet: beim Heurigen. „Das Schöne an einem Heurigen ist, dass er ein derart niederschwelliger Ort ist“, sagt Brustbauer. Man begegnet sich zunächst als Fremde an einem Tisch, und am Ende des Abends kennt man jemanden. „Es ist wie im Kaffeehaus, nur mit Spritzer“, so Brustbauer.
Seit 1784, als Kaiser Joseph II. den Ausschank des eigenen Weins erlaubte, gehört der Heurige fest zur Identität der Region. Heute gibt es im Wachauer Flusstal eine große Zahl an Heurigen, die meisten davon sind Familienbetriebe. Wenn über dem Eingang ein Strohkranz oder ein Fichtenzweig(ein sogenannter Buschen) hängt, wissen Einheimische und Gäste: Es ist offen. Serviert wird, was aus der Region kommt – kalte Jause, Aufstriche, Käse, Geselchtes, das berühmte Wachauer Laberl und natürlich der Wein des Hauses. Man isst, man redet, und bleibt einfach sitzen.